Christine Baron – Le soleil foudroyé

Originaltitel: Le Soleil foudroyé

Meine Bewertung: Da es sich hier um ein Zeugnis handelt, « bewerte » ich nicht – aber es war beeindruckend

‚Le Soleil foudroyé‘  (welches noch nicht auf Deutsch erhältlich ist) berührt ein schreckliches und auch delikates Thema, wurde aber mit so gut gewählten, richtigen Worten geschrieben dass einem beinahe die Luft wegbleibt.

Ein beeindruckendes Werk.

Ein Buch, das ich beinahe nicht gekauft hätte da mir das Cover missfiel, das ich fast abschreckend fand. Und hier meine ich nicht nur die Vorderseite…. Ich weiß, ich weiß, man beurteilt ein Buch niemals nach dem Cover. Aber ein Minimum erwartet man da schon.

Ich werde jetzt nicht lange von diesem Coverbild reden, Sie sehen es ja selbst. Ich frage mich nur, „warum? Was hat das damit zu tun?“… aber ich bin nun auch kein Künstler.

Das Problem ist, dass die Sache nur schlimmer wird wenn man das Buch wendet: Eine fader null-acht-fünfzehn-pseudoliterarische Bemühung, eine Anreihung pompöser Worte die es nicht vermögen, dem Leser eine Idee zum den Inhalt des Buches zu verschaffen! Ich erlaube mir am Ende meines Beitrags diese Zusammenfassung des Einbands wiederzugeben (wenn ich das korrekt übersetzt kriege…), denn sonst kann man sich das wirklich nicht vorstellen.

Das hat glücklicherweise nichts mit dem Stil des Buches zu tun, da kann ich sie sofort beruhigen!

Dann war da noch, in der Erstauflage, die Angabe „Roman“ auf dem Cover – eine Aussage die in die Irre führen kann, die nun nicht mehr zu finden ist (sie wurde nach der ersten Veröffentlichung dieser Rezension auf meinem ursprünglichen Blog Eden l’a lu entfernt).  

Nach alledem kann man sich fragen wie es dann kommt dass ich dieses Buch überhaupt gekauft habe! Am Ende meines Beitrags werde ich ihnen kurz sagen warum, denn das scheint ja tatsächlich mehr ein Wunder gewesen zu sein.

Nun aber zum Buch :

 

Es ist eine erschütternde Geschichte:

Dies ist Marines Geschichte. Marine ist ein junges Mädchen von siebzehn Jahren, voller Leben, Plänen, ihre Augen leuchten fröhlich, ein junges Mädchen deren Lebensfreude fast blendet und die einer vielversprechenden Zukunft entgegeneilt. Doch in dem Alter, in dem sie sich darauf vorbereitet erwachsen zu werden, gerade der Jugend entsprungen, wird ihr Krebs diagnostiziert. Erste Operation, erste Chemotherapie. Einige Monate des Aufatmens, Marine nimmt langsam ihr Leben wieder auf, ihre Pläne, ihr Lächeln, ihr sonniges Lachen.

Doch der Krebs, diese heimtückische Krankheit, kehrt zurück, noch böserartiger, die Metastasen überwältigen Marine, die eine neue Operation ertragen muss, eine noch stärkere Bestrahlung.

Wir erleben diese Krankheit nicht durch die Augen Marines, nicht einmal durch die Augen ihrer Mutter, nein, durch die ihrer Großmutter. Diese vergöttert ihre Enkelin, bewundert deren Fröhlichkeit, deren Jugend, entdeckt an der Seiter des jungen Mädchens neue Orte, neue strahlende Seiten ihres Lebens.

Diese Großmutter erleidet das Unerträglichste, wie jede andere Großmutter in derselben Situation. Sie sieht wie ihrer Enkelin dahin schwindet, ihre Lebensfreude noch genauso strahlend, doch alle Energie von der Krankheit entzogen. Sie beobachtet die ganze Familie, wie diese kämpft um Marine auf diesem schweren Weg zu begleiten. Wir spüren wie sie es tut, wie Sab, Marines Mutter, ihr viele Details erspart da sie diese nicht ertragen könnte, und so werden diese besonders beängstigenden Aspekte auch dem Leser erspart, die Schmerzen, das Leid, der Verfall, den wir nur zwischen den Zeilen sehen.

Als ich dieses Buch las, dachte ich ja es sei ein Roman und staunte wie ein Autor mit so einer unglaublichen Feinfühligkeit schreiben kann. Eine solche … Richtigkeit der Worte, so tiefe Gefühle, so grausam reale Bilder, Gott, der mit dem furchtbaren „warum sie?“ beschuldigt wird?

Die Genauigkeit der Emotionen wäre beinahe störend wenn es sich tatsächlich um einen Roman handeln würde; sie ist ergreifend wenn man erkennt, dass es sich um ein Zeugnis handelt.

Die Autorin besitzt ein extremes Feingefühl welches ihr erlaubt, kombiniert mit ihrem großen Talent diese Emotionen auch wiederzugeben, das schreckliche Leid dieser Krankheit zu beschreiben ohne jemals mitleidig zu werden.

Die Schrift ist so … richtig, ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist das exakte Wort, dass man sich keine Welt mehr vorstellen kann, in der Marine nicht gelebt hat. Eine einfache Schrift in der jedes Wort ins Schwarze trifft.

Sogar der Titel scheint mir perfekt ausgewählt: Le soleil foudroyé – was soviel heißt wie: „die erschlagene Sonne“ (eigentlich „vom Blitz erschlagen“): Marine wurde aus der Luft niedergeschmettert bevor sie ins Leben abheben konnte.

„Le soleil foudroyé“ ist kein weinerliches Buch. Nicht im Geringsten. Es ist ein Buch über die Unvermeidlichkeit des Schicksals.

Das absolut einzige was ich beanstanden könnte wäre die Kommatasetzung, die etwas überraschend war.

Dies ist ein äußerst bewegendes Buch zu dem ich nur raten kann.

Wenn ich denke, dass ich die Lektüre dieses kleinen – aber intensiven – Büchleins (140 Seiten) Monate lang hinausgeschoben hatte weil mir seine Kleidung missfiel!!

Denn nun können Sie vielleicht verstehen, warum ich nur vor dem Einband – Vorder- und Rückseite inbegriffen – den Kopf schütteln kann. Ich erlaube mir nun auch hier die Zusammenfassung wiederzugeben, die auf ebendiesem Einband zu finden ist, genau der Text, den wir zuallererst lesen wenn wir den Kauf eines Buch in Erwägung ziehen, und der somit entscheidend ist und uns daher A) einen Einblick auf den Inhalt des Buches geben sollte und B) Lust machen es zu erwerben; vor allem aber C) sollte dieser Text uns nicht dazu bewegen das Buch sofort wieder auf den Stapel zurückzulegen um das nächste in die Hand zu nehmen.

Dieser Einbandtext wurde von einem anderen Schriftsteller verfasst, von dem ich also sicher niemals ein Buch kaufen werde denn es ist ihm ganz klar nicht gelungen Zweck A) und B) zu erfüllen und damit das Endziel C) zu erreichen!

 

Hier nun also, so genau wie das möglich ist, der Text, die angebliche „Inhaltsangabe“; vergessen Sie bitte nicht, dass Sie normalerweise noch nicht wissen worüber es in diesem Buch geht, dass Sie da keinerlei Vorstellung haben wenn es nicht das eigenartige Coverbild, das mir wirklich nicht gefällt, ist. Stellen Sie sich also vor, Sie lesen das hier (und nein, das ist kein Witz!!!!! Die Übersetzung war ein Graus ist aber recht korrekt, wirklich):

„Es gibt dort eine kleine Sonne, in dieser Marine, ein blauer Vorname der, wie eine Unendlichkeit die Linie des Horizonts zwischen Himmel und Meer zieht. Eine kleine Sonne die von einer Wolke bedeckt wird.

Sie stemmt sich gegen das Schicksal das sich ansagt, ihre Frische, ihre Jugend, ihr Lächeln.

Eine Fahrt in der Schwerelosigkeit, das Schweigen wie auch so viele Fragen zu dieser Zukunft die sie glaubte mit ihrer Hoffnung umarmen zu können, Worte die das ausdehnbare Feld der Fragen bedecken, auf welche die Antworten nur in der weiten Ferne verlorene Echos bieten.

Dies ist der Horizont den Christine Baron erforscht.

Sie baut im Verlauf einer Semantik, die so intensiv ist wie die Intensivität eines Leuchtfeuers, welches seinen Ursprung in einem Mikrokosmus findet aus welchem sie die Seele eines bewundernswerten und ergreifenden Erlebten herausragen lässt, ein Universum aus den mannigfaltigsten Gefühlen auf.

Und man kann dieses Werk nicht lesen ohne im dieselbe Intensität zu widmen.

Es ist wohl ein Paradox, dass man auf Marines Jugend, Schönheit und Unschuld diese unerschöpfliche Rede halten muss.

Eine Deklamation des Herzens die, bei weitem, über das Ende oder die Beginne einer zerstörten Existenz, die in dem Gedächtnis an die Erinnerung fortbesteht, hinausreicht.“

Joseph GIUDICIANNI

Schriftsteller und Konferenzredner

Sie sehen es: Fade, pseudoliterarisch, aber verschwiegen über den Inhalt des Buches.

Wir werden sicher nicht mehr Lust zum Lesen des Buches bekommen wenn wir mit Worten zugeschüttet werden.

Nun hebe ich den Schleier, der über dem Geheimnis schwebt:

Wie kam ich nun dazu dieses Buch zu kaufen?

Ich habe es 2011 auf der Buchmesse in Nizza erstanden, und es war ein reiner Zufall. Die Autorin, Christine Baron, sass umringt von weiteren Schriftstellern; da sie es nicht vermochte, erfolgreich ihren Platz an dem Stand gegen ihre Nachbarn zu verteidigen, hatte sie sich leicht zurückgesetzt. Ich erinner mich nicht an die anderen Romane, die um „Le soleil foudroye“ herum ausgestellt waren, aber das Cover hat dann wohl mein Auge angezogen denn ich bin näher getreten.

Ich hatte dann also irgendwie das Buch in der Hand, als Christine Baron sich nach vorne lehnte um mit mir zu sprechen. In dem Moment bin ich ihrem Blick begegnet und habe darin ein Feuer gesehen, ein regelrechtes Inferno.

Ich kann mich nicht erinnern was sie mir sagte; in diesem Moment versuchte ich noch verzweifelt den tieferen Sinn des Klappentextes zu entziffern und kämpfte gerade mit der „ Intensivität eines Leuchtfeuers, welches seinen Ursprung in einem Mikrokosmus findet aus welchem sie die Seele eines bewundernswerten und ergreifenden Erlebten herausragen lässt“ – was wollten mir diese Worte sagen?

Tatsache ist, dass die Autorin offensichtlich über eine erstaunliche Intelligenz verfügte und so habe ich also das Buch aufgeschlagen um einen Lesetest zu machen.

Oh Erleichterung!! Es war absolut normal geschrieben!!

Keine unverständlichen, literarischen Redewendungen und auch keine Aneinanderreihung von fünfsilbrigen Worten.

Und so habe ich es eben gekauft, und das war richtig!

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