Polar

Luca D’Andrea – Das Böse, es bleibt

Originaltitel: Lissy

Meine Bewertung: 7,5/10

Diesen zweiten Roman von Luca D’Andrea habe ich ungeduldig erwartet! Nach dem beeindruckenden ersten Roman „Der Tod so kalt“ stellte sich die Frage, ob es sich bei diesem um eine Sternschnuppe handelte oder um das erste Werk eines Autoren, der uns von nun an regelmäßig – und vielleicht sogar konstant – fesselnde Thriller liefern könnte….

Meiner Meinung nach liebt man Luca D’Andrea nach diesem Buch – oder man mag ihn wirklich nicht. Ich kann mir schwer vorstellen, dass es hier eine „ach-ganz-nett“-Gruppe gibt.

Ich gehöre zu denjenigen, die von dem harten, direkten und sehr kalten Stil des Autoren mitgerissen werden.

Allein die Schreibweise kann einem eine Gänsehaut verursachen. Nicht nur die Handlung ist kalt, die Feder ist es ebenfalls: Rau, hart, direkt, grausam.

Aber kommen wir zum Plot:

 

Einzelgänger in der erbarmungslosen Kälte der Berge

Marlene ist auf der Flucht. Die junge Frau hat es gewagt: Sie hat den mächtigen Herrn Wegener verlassen, ihren Ehemann, der ein Imperium auf dem Blut und Ruin seiner Gegner aufgebaut. Ein Mann, der über Leben und Tod entscheidet ohne auch nur darüber nachzudenken.

Die junge Frau flieht panisch, denn ein einziger Fehler und er wird sie finden…. doch ihr Auto gerät in den eisigen Tälern Südtirols ins Rutschen; als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich auf einem kleinen Erbhof, weit abseits von jeder menschlichen Seele, abgeschieden von der realen Welt, hoch oben in den Bergen. Ringsum gibt es nichts als eisige Kälte, Schnee, Bergland.  

Simon, der Eigentümer des Hofes, lebt von der Schweinezucht. Durch sein einsames Leben, das er nur mit seinen Schweinen teilt, ist er sehr exzentrisch geworden, doch seine Freundlichkeit Marlene gegenüber lässt diese aufatmen.

Doch ist sie hier wirklich sicher vor Herrn Wegener – und vor der Einsamkeit der Berge und deren Geheimnissen?

 

Der Wahnsinn der Berge

Wenn dieser Roman mir auch nicht genauso gut gefallen hat wie „Der Tod so kalt“, in dem die Seele der Berge einen beinahe erstickt hat, in denen die Schwärze in den Tiefen lauerte, so hat mich dieser Roman dennoch zum Zittern gebracht.

Hier ist es der Wahnsinn, der dem Leser an jeder Ecke aufzulauern scheint um ihn aus der Bahn zu werfen.

Die Romanfiguren sind alle Einzelgänger, bei denen man eine psychische Störung nicht verleugnen kann. Alle scheinen, mehr oder weniger, in einer Welt zu leben die sie auf einer verdrehten Wahrnehmung der Realität aufgebaut haben.

Jeder dieser Charaktere hätte die zentrale Romanfigur seines eigenen Buches sein können – doch hier stehen sie sich gegenüber, in einem unerwarteten Tiroler Dreieck aus Bergen und Unerbittlichkeit.

Herr Wegener ist ein gefühlsloser, machtgieriger Mann, der den Krieg durch Verrat überlebt hat und dem Reue ein Fremdwort ist, ein Mann, dessen Ziel es ist sich alle zu unterwerfen und der hierfür vor nichts zurückschreckt, ein Mann dessen Namen man fürchtet. Genau dieser Mann trifft auf größeren Irrsinn als der seine…

Der „Mann des Vertrauens“, der Marlene jagt, ist auf andere Weise beängstigend. Dieser freundlich und zuvorkommend wirkende Mann lebt in einer von ihm nach seinen eigenen Regeln erbauten, kranken Welt, einer Welt die ihn zu einer unbesiegbaren Waffe gemacht hat. Er nähert sich seinen Opfern mit unendlicher Geduld und Ruhe um schließlich vernichtend zuzuschlagen. Unabwendbar.

Simon, der „Baur“, lebt seit seiner Kindheit abgeschieden in den Bergen, oberhalb der Baumgrenze, in einer Einsamkeit die beinahe unvorstellbar ist. Er hat sich seine eigene Existenz zurechtgelegt, in der seine Schweine im Mittelpunkt stehen und besonders seine Lissy. Dieser Mann wurde durch die Kälte, die Berge und die Härte des Lebens auf einem Erbhof gestählt und er stellt sich nun schützend vor die flüchtende Marlene. Doch ist diese hier wirklich sicher?

Marlene, zu guter Letzt, ist eine junge Frau die aus den einfachsten Verhältnissen aufgestiegen ist, sie hat den mächtigsten und reichsten Mann geheiratet. Der Ursprung seiner Macht und seines Geldes waren ihr gleichgültig…. bis jetzt. Auf dem abgeschiedenen Erbhof, inmitten der Schweinezucht, fühlt sich seltsam wohl und sicher…

Die Kulissen der Handlung sind wieder die Tiroler Berge und die eisige Kälte, die es einem Menschen nicht ermöglichen, eine Nacht ohne Schutz zu überleben.

Es ist dieselbe Kälte die wir schon aus „Der Tod so kalt“ kennen – jedoch ist die Handlung sehr unterschiedlich.

In „Das Böse, es bleibt“ ist es schwierig zu wissen, wie wir die verschiedenen Figuren einschätzen sollen, die wir langsam aber sicher immer genauer kennenlernen. Der Leser kann keine wirkliche Sympathie entwickeln, denn sie alle sind auf ihre eigene Weise tief beunruhigend.

Wir wissen nur eines: Marlene schwebt in großer Gefahr.

Der Ausgang der Konfrontation der verschiedenen Romanfiguren ist kaum vorhersehbar. Solch unterschiedliche Menschen aus solch unterschiedlichen Gesellschaftsschichten treffen selten in einem einzigen Roman aufeinander!

Die Stimmung ist rau und hart, eisig und einsam, vor allem aber streift sie ständig die Grenze zum Wahnsinn, wodurch wir nie wissen was wir nun von der einen oder anderen Person halten sollen.

Die Romanfiguren grenzen an eine Karikatur, halten sich aber gerade jenseits der Lächerlichkeit auf. Sie sind vielleicht ein wenig extrem, aber da wir hier drei, ja sogar vier ausgeprägte Persönlichkeiten haben die alle übertrieben wirken dabei jedoch alle glaubhaft dargestellt werden, gewinnt der Roman eine andere Dimension, wir verfolgen eine Situation die kaum erdenklich ist und die sich in einer Welt des Wahnsinns und der Grausamkeit abspielt.

Und Marlene steht in der Mitte. Zusammen mit Lissy….oder dieser gegenüber….

Der Stil des Schriftstellers ist bereits nach zwei Romanen unverkennbar. Direkt. Ohne Umschweife beschreibt er mit wenigen Worten eine Stimmung und trifft damit den Kern so zielsicher, dass wir die Gerüche des Schweinestalls wahrnehmen und den Stich der Kälte spüren.

Keine unnötigen Worte. Aber die richtigen.

Wie bei dem ersten Roman war ich zunächst etwas verwirrt, habe mich dann aber mitreißen lassen und das Buch nicht mehr aus der Hand gelegt.

Ja, ich gehöre definitiv zu den Lesern, die Luca D’Andrea lieben!

 

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