Jussi ADLER-OLSEN – Erbarmen

Jussi Adler-Olsen – Erbarmen

Orignaltitel: Kvinden i buret

Bewertung:  8,5 / 10

Mit «Erbarmen» halten Sie einen exzellenten und geschickt aufgebauten Krimi in der Hand (einen Krimi, der sich im Laufe des letzten Drittels sogar in einen Thriller verwandelt), der die alten aber immer noch bewährten und äußerst wirksamen Techniken: Ein etwas atypischer Polizist mit schwerer Vergangenheit, eine leicht politisch angehauchte Intrige, interne Dienstabteilungsschwierigkeiten, eine schreckliche Bedrohung, eine zu den Akten gelegte Angelegenheit, die jedoch nie geklärt wurde, verschwundene Indizien ….

Der Plot ist vielleicht nicht bahnbrechend, und der Verdacht schwenkt rasch in die richtige Richtung, aber der Aufbau des Romans ist gekonnt, jedes Kapitel endet mit einem Spannungsmoment – der einem dann Lust gibt, weiterzulesen, und das bis zum Ende!

Nun also zum Plot:

Carl Mørck,  Vizekriminalkommissar bei der Kopenhagener Mordkommission, ist seit 25 Jahren bei der Polizei aber er ist nun am Ende seiner moralischen und körperlichen Kräfte angelangt.

Sein letzter Fall hat in einem Fiasko geendet, sein Team wurde wortwörtlich zerstört und dezimiert: Einer seiner Partner wurde erschossen und ein weiterer liegt gelähmt im Krankenhaus. Carl Mørck ist der einzige der mit einer einfachen Verletzung an der Schläfe überlebt hat und er macht sich Vorwürfe. Durch seine psychische Verletztung hat er das Feuer verloren, welches ihn antrieb, und es scheint nichts mehr von dem guten Polizisten mehr übrig zu sein, der er einst war.

Als er seinen Dienst wieder aufnimmt, versuchen seine Kollegen ihn irgendwie loszuwerden, da er eine Belastung für die Mordkommission geworden ist, und mehr noch, eine Peinlichkeit. Die Gelegenheit seiner Gegenwart zu entkommen ist ideal als der Staat das „Sonderdezernat Q“ gründet, welches sensible oder zu den Akten gelegte Fälle bearbeiten soll. Der Chef der Kopenhagener Polizei ergreift die Gelegenheit, steckt das Geld zur Gründung des Sonderdezernates ein und vertraut es also Carl Mørck an, der sich nun in einem kleinen Büro im Keller des Polizeigebäudes wiederfindet, gemeinsam mit Hafez el-Assad, einem Assistenten syrischer Abstammung, der keinerlei Ausbildung hat und nur da ist um ihm beim Abheften der Dokumente Hilfe zu leisten.

Carl Mørck kann das nur recht sein, er schiebt die Akten von einer Seite des Tisches auf die andere. Aber Assad, der sich leidenschaftlich für den Polizeiberuf begeistert, überfliegt die archivierten Akten …. und  zwingt seinen Chef dazu eine davon zu öffnen. Es ist die Akte einer dreißigjährigen Frau, Merete Lyyngaard, die verschwunden ist. Ihr stand eine glanzvolle politische Karriere bevor bis sie eines Tages, im März 2002 von einer Fähre spurlos verschwand. Eine Nachrichtenmeldung die damals die damals die Medien überschwemmt hat aber die nun tief in einem Aktenordner vergraben liegt. Die Polizei konnte diesen Fall nie lösen und hat sie mit der Folgerung zu den Akten gelegt, dass Merete sich wohl das Leben genommen hat oder ins Wasser gestürzt ist, auch wenn ihre Leiche nie gefunden wurde.

Schon auf der ersten Seite des Romans wissen wir, Leser, jedoch dass dem nicht so war! Merete wird seit dem Tag ihres Verschwindens gefangen gehalten, also seit fünf Jahren (!), und das in einem seltsamen Untergeschoss in dem sie einer langsamen, heimtückischen Folter unterzogen wird.

Wer hat sie entführt? Und warum? Ist Carl Mørck motiviert genug um diesem Fall auf den Grund zu gehen (natürlich, sonst  gäbe es ja diesen Roman nicht)?

Das Sonderdezernat Q nimmt also die Untersuchungen wieder auf und stösst auf Versäumnisse des Teams, welches zuvor mit diesem Fall betraut war, und auch auf Ungereimtheiten….

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Es handelt sich hier um einen ausgezeichneten Kriminalroman, der sich ohne einen Moment der Langeweile liest, der Stil ist sehr angenehm, man beginnt Carl Mørck sympathisch zu finden, aber mehr noch seinen Helfershelfer Assd, der sehr viel intelligenter ist als diejenigen, die ihn eingestellt haben, dachten …

Die Lektüre verfolgt parallel, auf der einen Seite haben wir Merete Lyyngaard in ihrem unterirdischen Gefängnis und auf der anderen die Untersuchungen von Carl Mørck. So verfolgen wir den täglichen Kampf der Merete, die versucht zu überleben aber auch geistig ihre Gedanken beisammen zu halten und verstehen mehr und mehr die Dringlichkeit ihrer Situation – es bleibt nicht mehr viel zeit um die junge Frau, die alle schon tot glauben, zu retten!

Was mir jetzt an diesem Roman besonders gefallen hat, das war nicht so sehr der Plot, der ja eher klassisch ist und Standards der Kriminalromane übernimmt. Nein, es ist mehr dieser Aufbau, die Struktur des Buches und die Schreibweise, die wirklich sehr fein ist. Jussi Adler-Olsen schafft es die Spannung nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern sie auch am Ende jeden Kapitels zu steigern und gleichzeitig seine Hauptfiguren vorzustelle die ebenfalls immer interessanter werden. So erscheint uns zum Beispiel Assad immer clevere, aber je weiter wir kommen desto mehr Fragen stellen wir uns seinetwegen. Alle Charaktere sind gut beschrieben und realistisch, ihre Vergangenheit wird geschickt mit der Gegenwart vermischt und selbst die Randfiguren werden lebhaft geschildert.

Ein weiterer Pluspunkt: Wenn dieser Roman ein eindeutiger Kriminalroman ist, da wir gemeinsam mit dem Sonderdezernat Q den Faden der Indizien verfolgen, so verwandelt er sich im Laufe des letzten Drittels fast in einen Thriller.

Erbarmen ist der erste Fall des „Sonderdezernat Q“ unter der Leitung von Carl Mørck aber bei weitem nicht das erste Buch des Autors.
Nun warte ich ungeduldig auf die weiteren Fälle des „Sonderdezernat Q“ …

Zu guter Letzt kann ich also nur sagen: Ich kann Ihnen nur zu diesem Roman raten!

Weitere Fälle, die seitdem von Carl Mørck und seinem Team gelöst wurden:

  • Erbarmen
  • Schändung
  • Erlösung
  • Verachtung
  • Erwartung
  • Verheißung
1 Antwort
  1. Mauro says:

    Wow da bekomme ich ja richtig Lust den zu lesen! Vielen Dank Eden Lit für deine ausführlichen und hochwertigen Bewertungen und Rezessionen. Ich bin begeistert!

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